Und jetzt?

Das ist der letzte Blog-Beitrag zum Thema „Tur Abdin“. Ich hatte die letzten zwei Tage Schwierigkeiten mit der Internet-Verbindung. Das Netz war überlastet, da ein wichtiger Feiertag war, das Islamische Opferfest Id al-adha.

Wie soll´s weitegehen? Wenn ich Zeit und gute Laune habe, schreibe ich vielleicht ein kleines Buch über den Tur Abdin. Für solche, die einmal eine etwas andere Seite dieses riesigen, vielfältigen und faszinierenden Landes kennenlernen wollen. Einmal nicht „nur“ Istanbul oder die Badestrände rund um das südliche Antalya.

Wenn es soweit wäre, würdet ihr über diesen Blog eine Nachricht erhalten.

Bis dahin: Hoşçakal! Xawlâr! Fschlomo!

Nachtrag

Am vorletzten Tag unternahmen wir mit zwei Hotelangestellten einen Rundgang durch Gassen der Altstadt, die wir bisher nicht kannten. Wir besuchten die Mutter der einen Begleiterin. Das Haus besteht aus mächtigen Mauern und die Decken der Räume sind Gewölbe. In einem winzigen Hof, der von hohen Mauern eingeschlossen ist, hält die Familie eine Ziege. Ein Backofen steht auch im Freien. Je eine schmale Steintreppe führt in den Keller und aufs Dach. Geschlafen wird meistens im Hof, und vom Dach geniesst man eine schöne Aussicht über die Stadt. Die Freude über unseren Besuch war gross.

Überhaupt hatten wir zum Hotelpersonal ein ausgezeichnetes Verhältnis. Gut, wir waren zu diesem Zeitpunkt die einzigen Westeuropäer, die hier zu Besuch waren. Das machte uns zu etwas „Besonderem“. Aber daran lag es sicher nicht (oder nur zum kleinsten Teil). So wurden uns auch verborgene und aussergewöhnliche Winkel des Hotels gezeigt, unter anderem Luxussuiten, die Wasserversorgung und ein unterirdischer Gang, der angeblich weit ausserhalb der Stadt, erst beim Kloster Mor Abrohom, enden soll.

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Midyat – und unser Hotel

Das Hotel

Das Shmayaa Hotel, das uns unsere aramäischen Freunde organisierten, ist etwas Besonderes. Erika und ich fühlen uns wie Fürsten. Nicht nur die Umgebung ist für uns fast schon feudal. Auch mit dem Personal klappt alles wunderbar. Das Hotel wurde vor ein paar Jahren in einem sogenannten Konak errichtet, einem uralten Herrschaftshaus. Es ist ein schlossähnlicher Bau, mit einfachen Räumen bis zu riesigen Suiten (uns wurden einige gezeigt). Alle Decken bestehen aus Kreuzgewölben, und die Räume bilden nur schon mit ihrer Höhe einen krassen Gegensatz zu solchen in der Schweiz mit ihren meist mickrigen 2.40m-Decken. Die Mauern sind 0.5 bis sicher 2 Meter dick, aus hellem Sandstein gebaut.

Das Beste aber sind die Terrassen. Sie gehen genau nach Westen und bieten einen famosen Ausblick über die Stadt. Man freut sich jeden Tag auf das Abendessen und die bilderbuchmässigen Sonnenuntergängen.

Die Staff ist wunderbar, und jede und jeder von ihr bestätigt uns, wie gut die Zusammenarbeit klappt. Das merkt man auf Anhieb. Heute haben wir länger mit den Chefs gesprochen. Sie laden uns schon auf ein nächstes Mal ein und meinen, dass dieses Hotel mit ihrer famosen Crew unsere „zweite Heimat“ sein soll.

„Himmelbetten“

Der Himmel ist so nah … Viele Einheimische (aber auch Touristen dürfen das in den meisten Hotels) schlafen nachtsüber in Betten, die sie irgendwo auf den Flachdächern positionieren. Auch wir haben das ausprobiert. Oft wird ein Moskitonetz darübergezogen.

Das alte Midyat

Der alte Kern der Stadt Midyat ist relativ klein und übersichtlich, trotz der gewinkelten und oft schmalen Gassen. Viele prachtvolle Häuser stehen hier, die vom Reichtum einer gewissen Schicht zeugen. Sie bestehen aus hellrotem oder ab und zu auch weissem Sandstein. Auch für Neubauten dienen uralte Gebäude als Vorbild. Man kann sich leicht einbilden, sich in einer weit vergangenen Zeit zu befinden. Die Stadt diente denn auch schon einigen Film- respektive TV-Serienmachern als Kulisse. Naben Moscheen ragen hier viele Kirchturmspitzen über die Dächer und zeigen, dass Midyat einmal das Zenrum der aramäischen, das heisst (as)syrischen Kultur war. Etwas höher gelegen, mitten im Gewirr der alten Gemäuer und Steinhäuser, liegt das Midyat Çevre Kültür Evi. Vom Dach hat man einen totalen Rundumblick über die Stadt und die Umgebung.

In der Altstadt befinden sich auch der Basar und zahlreiche Geschäfte von Gold- und Silberschmieden. Midyat ist vor allem bekannt für den ziselierten altsyrischen Silberschmuck, aber auch für vorzüglichen Wein.

Die Bevölkerung wächst offenbar rasch. In einem neuen Führer wird sie mit 58000 angegeben, aber an den Tafeln am Strassenrand steht die Zahl 106000. – Am südlichen Stadtrand existiert auch ein grosses Lager mit syrischen Flüchtlingen.

Das neue Midyat

Am Rande der Altstadt schiessen Neubauten wie Pilze in die Höhe. Sehenswertes gibt es hier kaum. Wöchentlich findet ein Flohmarkt statt, und einige grössere Läden wird es auch geben.

An die syrische Grenze

16. August 2018, die Reise geht heute südwärts, bis an die syrische Grenze zur Stadt Nusaybin. Von dort ostwärts und dann wieder ein kleines Stück nach Norden an den Südhang des Gebirges. Also los!

Südwärts

Midyat (1000 m.ü.M.) und all die Dörfer, die wir bisher besuchten, liegen auf einer Art hügeligem Hochplateau. Jetzt geht es durch ein kleineres Gebirge hinab in eine endlose Weite, an deren Horizont sich die Wüste in Nordsyrien anschliesst. Eine gut ausgebaute Strasse windet sich in grosszügigen Kurven durch ein wunderschönes Tal, in dem weiter unten ein kleiner Fluss fliesst. Der Talboden strotzt vor Pflanzen. Nutzholz wird hier gewonnen (auch Nadelbäume), Feigen und Reben werden angebaut, und dem Flüsschen entlang werden in grossen Becken in klarstem Quellwasser Fische gezüchtet. Es sieht aus wie ein kilometerlange Oase, eingebettet zwischen wüstenartigen Bergen und Geröllhalden.

In Nusaybin fanden vor wenigen Jahren heftige Kämpfe zwischen türkischen Truppen und Kurden statt, ganze Viertel lagen in Schutt und Asche. Vorerst fahren wir daran vorbei, nach Osten. Nur wenige hundert Meter entlang der syrischen Grenze zieht sich eine unendlich lange, gerade, vierspurige Autostrasse hin. Die Hälfte der Autos sind schwere LKW´s von oder nach dem Irak oder Iran. Alle Übergänge nach Syrien sind geschlossen, auch die berühmten Züge der Bagdad-Bahn verkehren schon lange nicht mehr, nur noch Güterzüge zwischen Nusaybin und Gaziantep im Westen (ob auch das heute noch der Fall ist, konnte ich nicht herausfinden).

Auf der türkischen Seite der Strasse zeigt sich das blass durch den Staub hindurch gelblich-rötlich schimmernde  Gebirge, durch welches wir gekommen waren. Auf der syrischen Seite sieht man das staubige Flimmern und Wabern der nahen, topfebenen Wüste.

Jetzt geht es durch die fruchtbare Ebene wieder norwärts dem Gebirge entgegen.

Mor Augin

Am Südhang des Gebirges, in 150 bis 250 Metern Höhe, befindet sich das im 4. Jahrhundert errichtete Kloster Mor Augin. Es scheint an den Hängen zu kleben, und wo es nicht „klebt“, wurden seine Räumlichkeiten als Höhlen in den Sandstein gehauen. Es war eines der ersten Klöster im Tur Abdin. Es liegt nicht zufällig nahe eines „Astes“ einer der einst wichtigsten Handelsstrassen, der Seidenstrasse. Nach dem Konzil von Ephesos 431 übernahmen nestorianische Mönche das Kloster (die Anhänger des Bischofs Nestorius und die Mehrheit des Konzils waren sich nicht einig über die göttliche und/oder menschliche Natur Jesu´, worauf die „Nestorianer“ exkommuniziert wurden). Erst Anfang des 16. Jahhunderts wurde das Kloster syrisch-ortodox. Nachdem es bis 1970 leer stand, lebt seit 2011 Abt Yoken Unfal hier. Vieles wurde restauriert und zieht unterdessen, wenn auch noch zaghaft, Touristen an. Es ist in jeder Hinsicht sehenswert!

Weit am Hang verstreute Ruinen bezeugen die einstige Ausdehnung der Anlage. Bis zu 300 Mönche sollen hier gelebt haben. Auch solche, die einen aussergewöhnlichen Lebenswandel wählten (z.B., indem sich einer in jüngerer Zeit, er hiess Philoxenos Ablahad beth Mase, in einer Zelle einschloss und die Nahrung an einem Seil in einem Korb hochzog; er starb 1915).

Nusaybin – Archäologische Forschungen bei Mor Yakup

Nusaybin ist eine uralte Stadt und trug schon die verschiedensten Namen. Auch römische Ruinen gibt es, die aber in militärischem Sperrgebiet liegen und nicht zugänglich sind. Seit dem Jahr 2000 wird im syrisch-orthodoxen Kirchenkomplex Mor Yakup archäologisch geforscht. Ein Teil der Kirche und Krypta kann besichtigt werden. Die Anlage stammt aus dem 4.Jahrhundert.

Von Nusaybin zurück durch das schöne Tal

Auf zwei Fotos sieht man einen geschlossenen Grenzübergnag nach Syrien. Dahinter liegt die syrische Stadt Al Qamishli. Von Ruinen sahen wir nicht mehr viel. Es wurde offenbar in wahnsinnig kurzer Zeit wahnsinnig viel neu gebaut. Wenn ich mir vorstelle, dass ich hier leben müsste … Abgesehen von der Hitze: Für uns war es der bisher heisseste Tag, weit über 40° C (genauer: 46°).

Ein Dorf fiel mir schon beim Hinweg auf. Es liegt auf einer Felskuppe und sieht aus wie eine mittelalterliche Burg (Name?).

Landschaft, Dörfer, Kirchen, Klöster – und ein amüsanter Park … Teil 2

Klöster

Das erste grosse Kloster, das wir besuchten, war Mor Gabriel; am Tag darauf folgten Mor Yakub und Mor Abrohom.

Mor Gabriel

Mor Gabriel ist das berümteste der aramäischen Klöster. In getrennten Teilen der Anlage leben auch heute Mönche und Nonnen. Erika durfte mit andern Frauen die „Frauenabteilung“ besuchen. Sie traf dort, in der Küche, Schwester Hannah wieder, die mit uns von Zürich nach Mardin geflogen war. Möglich war das nur, weil die Frauen, die Erika begleitete, zur syrisch-orthodoxen Kirche gehörten.

Ich verzichte hier auf eine Beschreibung des Klosters und auf eine Wiedergabe seiner Geschichte. Man kann im Internet darüber nachlesen oder Bücher darüber kaufen. Beeindruckend war für mich der grosse Raum der Hauptkirche des Klosters sowie byzantinische Mosaikdecken, die anscheinend von den Mongolen teilweise zerstört wurden. In der Krypta sind auch die Überreste des Stifters Shmuel und des Namensgebers Gabriel begraben.

Mor Yakub

Ausserhalb der Klosteranlage befinden sich Ruinen älterer Bauten. In einer Katakombe liegt auch die Grabstätte Yakubs. Gläubige nehem hier eine Handvoll Sand mit sich nach Hause . „Geweihter Sand“, oder wie sagt man dem? … Mehr Text später, vielleicht. Ich empfehle auch hier Informationen aus dem Web.

Mor Abrohom

Das Kloster liegt 1 km südlich des Zentrums von Midyat. Dazwischen liegen Felder mit Weinstöcken. Es wurde im 5. Jahrhundert errichtet und steht auf einer kleinen Anhöhe. Wenige hundert Meter daneben erstreckt sich heute ein riesiges Flüchtligslager; es sind Flüchtlinge aus dem nahen Syrien.

Ein lustiger Park …

Links vor dem Eingang ins Kloster Abrohom erstreckt sich ein schattiger Park, in dem man Getränke kaufen und spazieren oder auf Bänken ausruhen kann. Er scheint von vielen Einheimischen besucht zu werden, ganz gleich, welcher Religion sie angehören. Überall sind lustige, bunte Figuren plaziert. Es ist „Kitsch“ der besten Art, ein echt POP-Art-iger Aufsteller. Ausserdem gibt es in einer Ecke einen Schuppen. Wir dürfen hinein, offenbar einmal mehr nur, weil unsere Begleiter und Begleiterinnen zur syrisch-orthodoxen Kirche gehören. Der Schuppen enthält ein Sammelsurium „antiker“ Gegestände – Möbel, Bilder, Schreibmaschinen, Radios, Schallplatten-Recorder, Werkzeuge, Geschirr, usw. – Alles interessant, aber auch enorm spassig, ulkig. – Ob sich das die Mönche einfallen liessen, um Besucher anzulocken? …

Landschaft, Dörfer, Kirchen, Klöster … Teil 1

Landschaft

Mal scheint sie fast nur aus verdorrtem Gras zu bestehen, fast ohne Bäume und Gebüsche. Disteln und anderes dorniges Gewächs aber gibt es massenhaft. Dann beherrschen wieder Tausende von Eichen das Bild. Dazwischen Äcker verschiedenster Grössen, mit Wasser- und anderen Melonen, Gurken, Erbsen, Weizen. Ein paar Esel, Pferde, Ziegen oder sogar Kühe sieht man ab und zu, aber kaum einen Menschen. Und vor allem keine Häuser. Die Strassen sind in meist gutem Zustand, oft ganz neu, auch abgelegene Dörfer erreicht man bestens. Was konstant ist, sind die sanften Hügel und die endlose Weite unter strahlend blauem, fast immer wolkenlosen Himmel.

Dörfer

Das ganze hiesige Gebiet wurde früher von den Aramäern besiedelt. Ihre Kirche ist die syrisch-ortodoxe; sie repräsentiert eine der ältesten christlichen Glaubensrichtungen überhaupt. Nur noch wenige Aramäer wohnen heute hier. Früher lebten sie in Dutzenden von Dörfern und grösseren Ortschaften und Midyat war ihre Stadt. Auch die Stadt Idil (Bet Zabday) wurde z.B. bis 1964 fast ausschliesslich von Aramäern bewohnt. Heute sind es Kurden. Allgemein sind meistens nur wenige Familien in den Dörfern geblieben, der grosse Teil (Hunderttausende) der Aramäer lebt schon lange im Exil, vor allem in Westeuropa, aber auch in den USA. Viele von ihnen reisen wärend der Ferien in ihre Heimatorte. Hier scheinen sich jeder und jede zu kennen, der Zusammenhalt ist gross, die Familien(clans) riesig.

Hier die Namen einiger Ortschaften und Dörfer, die wir in den letzten zwei Tagen (13./14. August 2018) besuchten (ich nenne den türkischen Namen zuerst): Idil (Aramäisch: Bet Zabday, auch Hazach), Ögündük (Midin), Anitli (Hah), Algöz (Beth Kustan). – Besonders die Stadt Idil wurde in den letzten Jahren durch Kriegereignisse in Mitleidenschaft gezogen; so begann im Februar 2016 die „Schlacht um Idil“ zwischen türkischen und kurdischen Truppen.

Kirchen

Dörfer und Ortschaften, in denen noch Aramäer wohnen, erkennt man aus der Ferne an den typischen Kirchtürmen. Auch wenn noch so wenige aramäische Familien dort wohnen, eine Kirche gehört dazu. Alle Kirchenbauten gleichen sich und scheinen seit bald zweitausend Jahren nach fast unverändertem Grundmuster gebaut zu werden. Das gilt allerdings nur für das Kirchenschiff. Die Türme sind auch alt, aber dürften doch erst viel später dazugekommen sein. Es ist ein Eindruck, den ich aber bestätigt sah, als wir die Kirche in Anitli (Aramäisch: Hah) besuchten.

Die Kirche von Anitli/Hah fällt sofort als etwas Besonderes auf. Sie heisst Yoldath Aloho (aram. „Mutter Gottes“) und besitzt einen quadratischen Grundriss. Die hohe Kuppel trägt einen kistenförmigen, reich verzierten Aufsatz. Der Turm kam hier nachweislich erst viel später (im 20.Jahhundert?) hinzu. – Um die Kirche rankt sich eine Legende, die bis in die Zeit von Jesu´Geburt zurückreicht und die Geschichte der drei Könige erzählt, und zwar auf eine ganz besondere Weise (sie waren unterwegs als drei von insgesamt zwölf „Königen“, von denen dann aber nur drei weiterzogen). – Die Kirche ist uralt und soll auf eine Stiftung des Kaisers Theodosius im 5. Jahrhundert zurückgehen. – Jedenfalls war es das Bauwerk, das mich bisher am meisten in den Bann gezogen hat, mehr als z.B. das Kloster Mor Gabriel, das wir am Vortag besuchten.

In einigen Kirchen wurde eine Schule eingerichtet, z.B. in Ögündük (Midin). In diesem Dorf leben etwa 50 christliche Familien, und ihre Kinder werden dort – neben der obligatorischen staatlichen Schule – zusätzlich in der Bibel und der aramäischen Sprache unterwiesen.

Die ersten zwei Tage: Stress im Quadrat …

Freitag, 10.August, Morgen früh um 04:31 auf den ersten Zug zum Flughafen. Wir sind zu fünft, Gabriel (Aramäer, lebt in der Schweiz), Georges (kommt aus Indien), Schwester Hanna (aus Holland). Hinzu gesellen sich meine Lebenspartnerin Erika und ich (Schweiz). – In Istanbul samt Gepäck neu einchecken für den Inlandflug. Langes Kolonnen-Stehen, verspäteter Abflug, da ein Pilot „fehlte“ … Dann klappte es doch und es war schon am Eindunkeln, als wir auf dem kleinen Flughafen von Mardin landeten. Yako, Gabriels Bruder, holte uns ab. Und los gings, weitere 60 Kilometer ostwärts nach Midyat. Erika und ich sind froh, dass wir uns im Hotel verkriechen können. Ein Prachtsbau, wie eine Burg, weisser Kalkstein, einen und mehr Meter dicke Mauern, uralt, wunderbar renoviert; unsere aramäischen Freunde haben uns da etwas ganz besonderes ausgesucht. Dazu aber in einem späteren Beitrag.

Am nächsten Morgen holt uns Yako ab nach Arbo. Zuerst wird aber eingekauft, Lebensmittel, fast tonnenweise, ist man versucht zu sagen. Midyat ist bekannt für Kunsthandwerk, besonders auch für Silberarbeiten. Yako führt uns auch zu einer Kirche, mit integrierter Schule (Kloster) und zeigt uns ein äusserst wertvolles Buch. Es stammt aus dem Mittelalter und liegt – als Original! – einfach so in der Kirche auf. Mir ist das unverständlich. Yako kennt das Problem und gibt zu, dass es schon einmal gestohlen wurde. Es muss von unschätzbarem Wert sein, nicht nur aus religiösen Gründen für die syrischen orthodoxen Christen, sondern aus kultur- und kunsthistorischen.

Ein paar erste Fotos: Flughafen Mardin und ein erster Bummel durch Midyat

Auf ins Aramäerland

Midyat zählt weit über 100´000 Einwohner; die Stadt sei nicht ungefährlich, und das gelte nicht nur für Touristen. Seit einiger Zeit kommt ein Lager mit 25´000 Flüchtlingen aus Syrien dazu (die Zahl scheint mir etwas hoch, aber so wurde es uns gesagt). – Nochmals wird eingekauft, in einem Verteilzentrum. Die Fahrt geht auf teilweise kilometerlangen, schnurgeraden Strassen nach Südosten. Die Landschaft ist grossartig. Vor allem die Weite ist faszinierend. Und meistens kein einziges Haus weit und breit. Nichts vom Gefühl der Enge, das mich oft in der Schweiz und andern zersiedelten, mitteleuropäischen Ländern beschleicht. Ein Charakteristikum sind die unzähligen kleinen Eichen, die zu Tausenden wie dunkle Flecken und Punkte in der Landschaft stehen.

 

Arbo (Aramäisch) = Taşköy (Türkisch)

Die ersten Lebewesen, die uns empfangen, sind Yakos Welpen. Das winzige Dorf liegt auf einem Hügel und in einer sanften Senke. Dort befinden sich normalerweise Tümpel mit Wasser; davon ist nichts zu sehen. Das Wasser wird aus 250 Meter Tiefe an die Oberfläche und dann zum Wasserturm hinauf gepumpt. Yako sammelt zudem Regenwasser vom Dach des Hauses, das in ein eigenes Reservoir fliesst.

Nur ganz wenige Menschen leben dauerhaft hier. Yako ist einer von ihnen. Er ist vor ein paar Monaten aus der Schweiz hierher – sozusagen in das Dorf seiner Urväter und Väter – gezogen und wird bleiben. Die Meisten, die kommen, leben in andern Ländern und besuchen das Dorf villeicht für ein paar Monate im Jahr. Kann sein, dass es in den nächste Jahren mehr werden. An Kirchen fehlt es jedenfalls nicht – drei sind es, die neuste und grösste wird jetzt dann eingeweiht …

Die Menschen können praktisch von dem leben, was der Boden hergibt. Erika und ich können uns nicht erinnern, in den letzten Jahren bessere Früchte und frischeres Gemüse gegessen zu haben. „Bio“, aber wirklich!, wird hier betont. Und das ist in diesem Fall bestimmt kein Witz. Und vor allem kein Marketing-Schwindel.

Hier leben ausschliesslich Aramäer. Die Dörfer der Umgebung haben enge Kontakte untereinander. Die Kirche beziehungsweise Religion spielt hier eine grosse Rolle. Und die Familie: Nichts scheint über sie zu gehen. – Was mich betrifft: Die Stille, die weite Landschaft, die saubere Luft faszinieren mich. Aber hier leben? Nein, das könnte ich nicht. Ich brauche die Stadt.

Die neue, nach uralten Plänen wiederaufgebaute Kirche wirkt auf mich aus architektonischen und historischen Gesichtspunkten sensationell. Oder ästhetisch gesehen: ganz einfach schön. Auf Drängen Gabriels und Yakos nahm ich an einem Gottesdienst teil. Ich sollte Fotos machen. Eine fremdartige Welt tat sich auf für mich, aber hochinteressant und zutiefst archaisch. Und es war ein Musterbeispiel von „patriarchalischer Religionsausübung“ – dieser Begriff fällt mir einfach jetzt so ein.

Ankündigung eines Blogs über eine Reise in das Gebirge Tur Abdin, August 2018

Meine Lebenspartnerin Erika und ich unternehmen im August 2018 eine zwölftägige Reise in den Tur Abdin, ein Gebiet/Gebirge im Südosten der Türkei, nur wenige Kilometer nördlich Syriens und des Irak. Es ist ein Gebiet mit wenig Tourismus. Wir sind sehr gespannt! Nur schon die Temperaturen machen uns kribbelig, denn es sollen tagsüber immer 40°C oder mehr sein, und in der Nacht nie unter 20°C. – Na also dann …

Funktionierende Internetverbindungen vorausgesetzt, werde ich mit Texten und vor allem Fotos darüber informieren.

Peter Angele